„Könnten Sie vielleicht einmal in ihrem Büro nachfragen? Das wäre sehr freundlich. Sagen Sie ihr bitte, die Autorin Schorn sei hier“, womit sie ihn gleich darüber informierte, mit wem er es zu tun hatte.

Er telefonierte hinter der Trennscheibe und drehte sich ihr wieder zu:

„Tut mir leid, wie bereits gesagt, Frau Venturini ist noch nicht im Haus. Sie muß jeden Moment kommen. Wenn Sie wollen, können Sie hier Platz nehmen“, wobei er auf die Ecke mit den Besuchersesseln zeigte.

Cornelia machte keinerlei Anstalten zu gehen:

„Können Sie mir bitte sagen, in welcher Etage Frau Venturini arbeitet? Ich würde gern nach oben fahren und dort auf sie warten.“

„Wie Sie wollen, Frau Schorn.“

Oh, er hatte sich sogar ihren Namen gemerkt.

„Sie erreichen Frau Venturini im dritten Stock, Zimmer 304. Der Aufzug ist gleich da drüben“, dabei deutete er mit dem Finger nach rechts und wandte sich dann wieder seinem Morgenblatt zu.

Cornelia bestieg den Aufzug und fuhr in die dritte Etage. An den Wänden hingen Plakate, manche fand sie durchaus ansprechend, andere sehr grell. An einer der Türen, an denen sie vorbeiging, fiel ihr der Name einer Redakteurin auf. Sie hatte mit ihr Anfang Februar telefoniert, als das Blatt Zeitzeuginnen zum Geschehen des schrecklichen Bombenangriffs auf Dresden vom 13./14. Februar 1945 suchte. Leider erfuhr Cornelia zu spät davon, deshalb war es zu keiner persönlichen Begegnung gekommen.

Am Ende des Ganges, an der Tür Nummer 304, erblickte sie die Kopie eines Gemäldes, das von einem alten Meister stammte – es zeigte die himmlische Familie. Cornelia fühlte sich leicht verwirrt, denn dieses Bild stand in starkem Kontrast zu den übrigen Plakaten, so daß sie plötzlich Interesse für die Menschen entdeckte, die hinter dieser Tür arbeiteten. Sie klopfte respektvoll an und trat – im Gegensatz zu ihrer sonstigen Art – nur zögernd ein.

Zwei Männer und eine Frau saßen in dem hellen, sehr geräumigen Raum. Einer der Männer sprach russisch. Er telefonierte mit einem Kollegen aus Kiew. Cornelia fragte sich augenblicklich, ob dieses Sprachpotential wohl bald verlorengehen würde? In den vergangenen vierzig Jahren war Russisch an den Schulen Pflichtfach gewesen und die Verbindung gen Osten gewachsen. Würde man auch diese Kompetenzen als unliebsames Überbleibsel aus DDRZeiten bedenkenlos brachliegen lassen?

Sie wurde weiterer Überlegungen enthoben. Ein junger Mann fragte freundlich:

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Mein Name ist Schorn. Ich bin mit Frau Venturini verabredet und würde gern hier auf sie warten.“

„Aber sicher. Bitte nehmen Sie Platz. Frau Venturini muß jeden Moment kommen“, wobei er Cornelia zu einem kleinen viereckigen Tisch dirigierte und ihr einen Stuhl zuschob. Auf dem Tisch lag neben dem hauseigenen Blatt auch eines der Konkurrenz. Kaum hatte sie sich gesetzt, wurde die Tür mit einem Ruck geöffnet. Eine junge Frau mit blonden Haaren, zum Pferdeschwanz gebunden, stürzte herein. Ihre Impulsivität erinnerte Cornelia an die eigene in jungen Jahren, und sie fühlte sofort Sympathie für die Frau.